Nepal 2015 – Manaslu Runde – Samagaon nach Bhimtang

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In Samagaon haben wir einen Tag zur Akklimatisierung eingeplant und wollen dafür das 4.440m gelegene Manaslu Base Camp besuchen.P1050174 Leider kommt es anders, denn Sanne bekommt über Nacht heftige Magen-Darm-Probleme. Unsere Medikamente helfen nicht, Flüssigkeit behält sie nicht bei sich und so sind wir am nächsten Morgen beide kaputt. Völlig entkräftet ist natürlich nicht an eine Tour zum Manaslu Base Camp zu denken, stattdessen gehen wir zum Dorfarzt. Der verschreibt eine Handvoll Tabletten ohne Beschriftung, wählerisch kann man hier nicht sein, helfen tun sie aber leider auch nicht so richtig… Während Sanne sich ausruht unternehme ich mit Dipendra und Manoj zumindest einen kleinen Spaziergang um etwas Höhe zu gewinnen und den grünen See nochmal von oben zu sehen.

Auf dem Rückweg fragen wir bei einer anderen Lodge nach einem Zimmer und bekommen eines mit viel mehr Platz, eigenem Bad und fließendem Wasser. Warum wir das nicht schon am Vortag gemacht haben erschließt sich mir nicht, die erste Lodge in Samagaon war wirklich nicht empfehlenswert, die zweite dagegen wirkt wie ein Hotel. Sanne fühlt sich immerhin wieder fit genug die Sachen zu packen und umzuziehen, essen und trinken kann sie trotzdem nicht. Keine Gute Situation, denn vorwärts und rückwärts sind wir mindestens 4 Tage von der nächsten Straße entfernt… Nachts passiert dann das denkbar schlechteste, denn auch ich bekommen Magen-Darm-Probleme 🙁

P1050205Unsere Guides sind am nächsten Morgen besorgt, wir haben zwar noch ein paar Tage Puffer, aber eben auch noch den Pass vor uns. Mir geht es glücklicherweise schon wieder ganz gut. Ich habe zwar keinen Appetit, aber Tee trinken geht schon wieder und ich halte es auch außerhalb des Betts aus. Nach einem kleinen Spaziergang durchs Dorf, inklusive Test der Nahrungsaufnahme mit einem Müsliriegel, befinde ich mich für ausreichend fit. Eine Stunde später gehe ich zusammen mit Sanne nochmal eine Runde laufen, und auch ihr geht es ein bisschen besser. Die Rücksprache mit den Guides ergibt: Nach Samdo sind es nur ca. 3h und 400 Höhenmeter, für die Akklimatisierung wäre es hilfreich aufzusteigen und lieber dort nochmal einen Ruhetag einzulegen. Sanne ist auch damit einverstanden, so beschließen wir ganz langsam die nächste Etappe anzugehen. Der Weg nach Samdo führt uns zurück zu „unserem“ Fluss, der hier aber nur noch ein kleiner Bach ist. Um uns herum sind überall knorrige Bäume (Baumgrenze auf ca. 3.900m) die von den Bewohnern gefällt und auf dem Rücken zurück ins Dorf getragen werden. Ein echter Knochenjob, aber der Winter steht bevor. Wir werfen nochmal einen (vermeintlich) letzten traurigen Blick auf den Manaslu, denn er verschwindet jetzt hinter dem Naike-Peak-Massiv. Aber auch das Panorama rund um Samdo kann sich sehen lassen, hier überragt der Samdo Peak alles (genau genommen gibt es zwei Berge mit diesem Namen, ein grüner „Wander-5000er“ und ein vergletscherter „Expeditions-6000er“).

P1050211In Samdo ist es furchtbar kalt. Um 15Uhr verschwindet die Sonne hinter den Bergen und Sekunden danach ist es frostig. Die Lodge ist sehr spartanisch, aber das Essen ist gut. Alle Gäste sitzen in der warmen Küche und schauen beim Kochen zu. Unglaublich was die Köchin auf kleinstem Raum und mit spärlichen Utensilien alles zaubert, und dazu ist alles hygienisch sauber. Hier können wir uns mit viel mehr Trekkern unterhalten, da einige einen Ruhetag in Samdo verbringen. So kommen wir mit zwei Skandinavierinnen ins Gespräch die auch beide in Samagaon krank geworden sind (und noch mehr kranke Leute kennengelernt haben). Scheinbar ging dort also ein Virus rum, wir haben insgesamt von 10 Leuten gehört die Probleme hatten. Die wichtigste Bekanntschaft aber waren zwei Deutsche, denn die hatten eine mexikanische Wunderpille gegen Durchfall dabei. Sanne hatte noch immer keinen Hunger, bis auf eine halbe Nudelsuppe konnte sie nichts essen. Die Pille hat dann aber tatsächlich geholfen, am nächsten Tag war alles viel besser!

P1050236Einen weiteren Ruhetag legen wir aber in Samdo trotzdem ein, wir wollen eine leichte Tour in Richtung tibetische Grenze machen. Uns wurde schon gesagt dass der Weg ziemlich weit ist, aber es ging auch nicht darum zur Grenze zu kommen, Bewegung und das Erreichen von deutlich über 4.000m standen im Vordergrund. Diese magische Grenze durchbrechen wir schon kurz nach Samdo am Larke Bazar, danach steigen wir noch bis auf ca. 4.300m auf. Sanne ist sehr langsam unterwegs und auch ich bin durch die Höhe sehr langsam. Kopfweh, Schwindel oder sonstige Anzeichen von Unwohlsein bleiben zum Glück aus, aber mein Puls steigt auf gefühlt 200 obwohl ich so langsam laufe wie nie zuvor. Um Überanstrengung zu vermeiden habe ich mir vorgenommen immer durch die Nase zu atmen und entsprechend das Tempo zu drosseln. Das klappte die letzten Tage schon erstaunlich gut und geht auch in dieser Höhe noch. Trotzdem ein komisches Gefühl so langsam und dennoch körperlich am Limit zu sein…

P1050280Zurück in Samdo verbringen wir eine weitere Nacht im Tiefkühlschrank (immerhin sind die Decken sehr warm). Morgens gibt es dann kein Zurück mehr, wir brechen auf nach Dharamsala, dem High Camp auf 4.400m, letzte Lodge vor dem Larke Pass. Mit uns gehen nur noch zwei Spanierinnen los, alle anderen bleiben länger oder sind schon am Vortag in Richtung Pass gegangen. Der Aufstieg nach Dharamsala ist steil und anstrengend. Sanne hat noch immer kaum etwas gegessen, hält sich mit Traubenzucker und Keksen über Wasser, und ist entsprechend langsam. Ich fühle mich wieder 100%ig fit, die Höhe macht mir nichts aus, das Laufen auch nicht. Umso mehr Zeit bleibt mir die Landschaft zu genießen, denn „unser“ Manaslu taucht wieder auf, diesmal sieht man die Nordseite mit dem vorgelagerten Manaslu Nord und dem Syacha Gletscher. Kurz vor Dharamsala steht eine riesige Herde „Blue Sheep“, das ist eine Mischung aus Schaf und Steinbock und sie sind, anders als der Name vermuten lässt, braun.

P1050291Dharamsala – was soll man sagen? Die Erwartungen waren niedrig, unsere Guides sprechen seit Tagen davon wie schlecht die Lodge ist, und entsprechend sind wir immerhin nicht enttäuscht. Unser Zimmer gleicht eher einem Stall, das Essen ist mäßig, die Toilette 100m entfernt auf einem Feld (man muss bei völliger Dunkelheit einen gefrorenen Bach überqueren um sie zu erreichen). Aber das krasseste: Es gibt mindestens 10 Zimmer, und da außer uns und den Spanierinnen niemand da ist stehen alle leer. Dennoch müssen die vier Guides alle zusammen in einem Zelt schlafen, da die Zimmer nur für Gäste sind. Für zusätzliche Decken gegen die fiese Kälte mussten sie noch 5 Minuten diskutieren obwohl es selbst bei Vollbelegung mehr als genug für alle gibt! Leider gibt es nur die eine Lodge und die Besitzer können sich daher alles erlauben… Immerhin hat Sanne zum ersten mal nach drei Tagen wieder Hunger und isst (fast) die ganze Nudelsuppe auf, dazu gibt es Popcorn und viel Tee um Kopfweh vorzubeugen.

P1050334Vor der Nacht hatten wir etwas Angst, denn es hieß immer dass in der Höhe an Schlaf nicht zu denken sei. Dazu sagte man uns dass wir unter Umständen Atemnot bekommen und dann keine Panik kriegen dürfen. Das Wasser muss unter die Decke, sonst gefriert es, die Trinkschläuche müssen aus gleichem Grund leer sein. Außerdem haben wir ca. 5l Tee getrunken und die Toilette ist, wie beschrieben, eher abenteuerlich erreichbar. So genießen wir also beim Zähneputzen den unfassbar schönen Sternenhimmel und verkriechen uns ins Bett. Und siehe da, alle Warnungen waren umsonst, ich schlafe wie ein Baby, aber leider nur bis 3.30Uhr, denn dann werden wir geweckt.

P10503564Uhr Frühstück (kein Hunger um diese Zeit, noch dazu wirklich schlechtes Porridge), und um 4.30Uhr ist Abmarsch. Jetzt ist es also soweit, die 5.000er Marke will heute geknackt werden! Bei völliger Dunkelheit uns Eiseskälte gehen wir im Schein der Stirnlampen los. Nach kurzer Zeit spüre ich meine Finger nicht mehr und bekomme leichtes Nasenbluten. Das fängt ja Spitze an… Es dauert ca. 1h bis die Sonne aufgeht, ein wirkliches Spektakel, aber Bilder gibt es davon nicht, denn meine Finger sind nicht in der Lage den Auslöser zu drücken. Erst als uns nach ca. 1,5h die ersten Sonnenstrahlen erreichten erwacht mein innerer Akku zum Leben und ich bin wieder fit wie ein Turnschuh. Der Körper taut auf, Nasenbluten ist weg, die Höhe macht keine Probleme und ich kann alles um mich herum genießen. Sanne ist zwar noch immer sehr langsam, aber wir kommen dem Pass immer näher, und auch wenn keine Rekordzeit zu erwarten ist sind wir uns jetzt sicher es zu schaffen.

P1050380Der Weg zum Pass ist zermürbend. Es ist nur selten wirklich steil („Nepali Flat“), aber man läuft Bogen um Bogen und sieht den Pass nie. Der Weg ist mit Schnee und Eis bedeckt, aber alles ist platt getrampelt und problemlos zu begehen. Die Landschaft um uns herum ist schön, ändert sich aber kaum, alles sieht irgendwie gleich aus. Kurz vor dem Pass laufen wir an zwei gefrorenen Seen vorbei, und dann sehen wir endlich eine Anhöhe mit vielen bunten Gebetsfahnen. Um 11Uhr haben wir es geschafft, wir stehen auf 5.135m am Larke Pass 🙂 Kaputt aber glücklich genießen wir den Augenblick bei Windstille und wolkenfreiem Himmel, machen viele Bilder und eine ausgedehnte Pause.

P1050411Eine Stunde später machen wir uns an den Abstieg. Ich habe nun leichtes Kopfweh bekommen, rechne aber damit dass es im Abstieg wieder verschwindet. Der gestaltet sich deutlich anspruchsvoller als der Aufstieg, es ist sehr steil und rutschig, lockeres Gestein und Eis wechseln sich ständig ab und wir kommen auch hier nur langsam voran. Um uns herum sind beeindruckende Gletscher aus denen ständig mit lautem Krachen Eis und Steine abbrechen, darüber thront der Himlung (7.126m), am Horizont sehen wir die Annapurna II (7.937m). Als wir an einem Teehaus Halt machen ist mein Kopfweh nicht besser geworden, es lag wohl doch nicht nur an der Höhe, Sonne und Anstrengung kamen eben auch noch dazu. Eine Schmerztablette, die einzige der ganzen Tour, wirkt aber Wunder und so schaffen wir auch noch den restlichen Abstieg nach Bhimtang. Unterwegs zieht eine Wolke aus dem Tal hoch, so erreichen wir die Lodge in dichtem Nebel, erleichtert aber völlig KO.

Insgesamt haben wir, mit Pausen, 13h gebraucht (normal sind 8-10h), aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ab jetzt geht es nur noch bergab, die größten Herausforderungen liegen hinter uns! Abends unterhalten wir uns lange mit zwei Amerikanern. Sie laufen die Annapurna-Runde und machen hier einen kleinen Abstecher, allerdings sind sie ziemlich planlos, denn sie haben mit einer Tagestour gerechnet und sind ohne Gepäck los, wurden allerdings hier in Bhimtang von der Dunkelheit überrascht. Mit der Aussicht auf eine kurze Etappe am nächsten Tag gehen wir ins Bett uns schlafen mit tollen Erinnerungen an den großen Pass-Tag ein.

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